Astronaut Thomas Reiter beim gedankenPlatz

„Luft- und Raumfahrt – Wirtschaftsfaktor im Nordwesten?!“

raumfahrt_gedankenplatz„Aber wer wird denn gleich in die Luft gehen?“ … wir zumindest nicht: Alle der gut 200 Gäste auf unserem vierten gedankenPlatz Veranstaltungsabend blieben auf dem Boden der Tatsachen – jedoch drehten sich die Gespräche um das Thema Luft- und Raumfahrt und die Auswirkungen auf unsere nordwestdeutsche Wirtschaftsregion.

Beide Branchen haben sich in den vergangenen Jahrzehnten eine starke Position in der deutschen Wirtschaft erarbeitet, so sind inzwischen mehr als 70.000 Menschen direkt beschäftigt, weitere 250.000 Menschen arbeiten in der Zulieferindustrie. Auf verschiedenen Ebenen ist eine Vielzahl von Organisationen, Firmen, Körperschaften, Institutionen und Personen in Deutschland mit der Forschung für und Durchführung von Raumfahrtaktivitäten und Weltraumforschung beschäftigt.

Aber: Welches Stück bekommt der Nordwesten vom Kuchen ab und wo liegt das Potential?

Eingeladen hatten wir daher unter dem Motto „Luft- und Raumfahrt – Wirtschaftsfaktor im Nordwesten?!“. Um diesem Thema den geeigneten Rahmen zu geben, nutzten wir einen der leerstehenden (Flugzeug)Schelter(leeren Hangar) auf dem ehemaligen Oldenburger Fliegerhorst-Gelände. Vom Tor bis zur Halle mussten unsere Gäste gut 3 Kilometer überwinden. Diese kleine Anstrengung hat sich jedoch gelohnt, denn wie immer sind unsere Podiumsgäste in der anregenden Atmosphäre aktiv in die Diskussion eingestiegen. Übereinstimmend konnte festgestellt werden: Deutschland als Hochtechnologiestandort verfügt über großes Potential in der Luft-und Raumfahrtindustrie, das nicht einfach „verschenkt“ werden sollte, sondern durch Forschung und Entwicklung weiter ausgebaut und der massiven Unterstützung und Förderung bedarf. Schlüsseltechnologien wie Satelliten- und Radartechnik sind „Weltspitze“. Der Nordwesten hat sich – im Gegensatz zum Süden Deutschlands – durch gute Strukturen und Netzwerke an die Spitze entwickelt. Doch auch hier ist der zunehmende Fachkräftemangel deutlich zu spüren. Eine verstärkte Orientierung zu und Förderung von mehr naturwissenschaftlichem Interesse und Engagement bereits bei Kindern ist dringend erforderlich.

Das Podium wurde professionell moderiert von Anke Genius, NDR und es war hochkarätig besetzt mit:

  • Thomas Reiter, Astronaut und Oberst der Luftwaffe
  • Dr. Fritz Merkle, CTO, OHB Systems
  • MdB Thomas Kossendey, Parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesminister der Verteidigung
  • Georg Morawitz, Mitglied der Geschäftsführung der Rheinmetall Defence Electronics

Nachfolgend einige richtungsweisende Aussagen der Podiumsteilnehmer:

Kossendey:

Ab Januar 2008 wird der Fliegerhorst in das allgemeine Grundvermögen des Bundes übergehen. 2/3 des Grundstücks gehört zur Stadt Oldenburg, 1/3 gehört zum Landkreis Ammerland.

Unterstützung vom Land und vom Bund für die deutschen Airbuswerke? Ob sich das Land oder der Bund aktiv in den Verkauf der Airbuswerke einschaltet, wird sich im Laufe des Verfahrens herausstellen.

Kerntechnologien sollten unbedingt am Standort Deutschland gehalten werden.

Für die Jahre 2008 bis 2013 werden wir 150 Millionen Euro mehr für die Luftfahrtforschung ausgeben werden, um vor allem den Übergang von dem Metall- ins Kunststoffzeitalter zu schaffen. Insbesondere Forschungsvorhaben in diesem Bereich werden gefördert.

Wenn wir über Luft- und Raumfahrt reden, dann sollten wir nicht nur die großen Unternehmen nennen, sondern auch die vielen kleinen und mittelständischen Betriebe. Die Politik wäre schlecht beraten, wenn Sie nur auf die „Großen“ setzen würde, denn wenn ein „Großer“ Husten bekommt, bekommen viele „Kleine“ in Folge dessen eine Lungenentzündung. Deswegen ist es viel klüger auf viele kleine und mittelständische Unternehmen zu setzen und dabei die großen Betriebe nicht zu vernachlässigen.

Wir brauchen dringend das Engagement in den Schulen und bei den Jugendlichen, um Interesse an den Naturwissenschaften zu wecken. Es liegt nicht allein bei den Universitäten, denn die Entscheidung, wer später was studiert, fällt ja häufig schon viel früher. So ist die Frage, wer kommt aus der Universität raus, schon fast zweitrangig gegenüber der Frage, wer wählt überhaupt ein naturwissenschaftliches Fach.

Reiter:

Man bekommt im All eine Menge des aktuellen Tagesgeschehens mit. Wir wurden täglich mit vielen Zeitungen und Schlagzeilen versorgt. Mit Blick vom All auf die Erde bekommen Schlagzeilen auch plötzlich eine ganz andere Bedeutung – und nicht unbedingt eine geringere!

Faszinierend, welche Forschung und Entwicklung hier am Standort (Oldenburg?) stattfindet. Institute sind Kristallisationskerne für neue Technologien, die wiederum zu Innovationen führen.

Im Deutschen Luft- und Raumfahrtinstitut (DLR) Bremen sind gegenwärtig 40 Mitarbeiter beschäftigt, es soll aber noch wachsen auf gesamt gut 120 Mitarbeiter. Das Institut konzentriert sich auf den Bereich Systemanalyse in insgesamt acht Organisationseinheiten, z. B. Transportsysteme in der Raumfahrt.

Ich bin der Überzeugung, die Zukunft unseres Landes hängt von Hochtechnologien ab. Raumfahrt spielt dabei eine zentrale Rolle.

Amerika wendet enorme Mittel für Luft- und Raumfahrt an. In Anbetracht der geringen deutschen Mittel haben wir es tatsächlich geschafft in einigen Schlüsselbereichen Weltspitze zu sein. Einer dieser Bereiche ist zum Beispiel die Radartechnik.

Wir werden in der Raumfahrt ernst genommen, auch von Amerika. Mit Russland haben Kooperationen bisher in Forschungsprojekten und weniger in industriellen Projekten stattgefunden.

Die Zahl der Studenten und Studentinnen, die sich für naturwissenschaftliche Fächer entscheiden, ist verschwindend gering. Unsere Jugend muss für diese Themen interessiert werden – hier ist noch einiges zu tun. Begeisterung und Neugier für all diese Themenbereiche zu wecken, um auch zukünftig Hightech zu entwickeln.

Deutschland ist ein Land mit guten Ideen. Leider ist es eine deutsche Eigenschaft Dinge zu entwickeln, die wir dann anschließend aber nicht selbst umsetzen.

„Ich habe geschüttelt wie ein Hirsch…“ (bei der Experimentvorgabe, das Verhalten von Wasser mit Öl im schwerelosen Raum zu testen)

Merkle:

Die Bundeswehr hat fünf Aufklärungssatelliten bei OHB in Auftrag gegeben. Drei sind schon in Betrieb genommen und werden von der Bundeswehr für die Aufklärung genutzt. Zwei folgen noch.

OHB war ein kleiner Handwerksbetrieb mit fünf Mann – in den letzten 25 Jahren ist daraus ein Unternehmen entstanden, das in Bremen 300 Mitarbeiter beschäftigt und deutschlandweit über 1.200 Mitarbeiter hat. Die OHB Firmengruppe ist damit zum drittgrößten europäischen Raumfahrthersteller geworden.

OHB ist zu 70% an MT Aerospace beteiligt. Die OHB Technology als Holding ist am Bieterverfahren um die Airbuswerke in Nordenham und Varel beteiligt. Nach unserer Kenntnis sind wir momentan der einzige deutsche Bieter. Auf Details kann ich nicht eingehen. Mit EADS ist vereinbart worden, dass über das Bieterverfahren Stillschweigen gewahrt wird.

Es zeigt sich, dass es einen gewissen Wettbewerb um die besten Mitarbeiter gibt – wir suchen ständig qualifizierte Raumfahrt- und Elektroingenieure, Maschinenbauer und Informatiker.

Bremen ist im Moment der Raumfahrtstandort in Deutschland, der wächst und hat sich zu dem wichtigsten Raumfahrtstandort in Deutschland entwickelt, vor allem im Bereich Raumfahrtsysteme. Das DLR Institut ist eine ideale Ergänzung zur schon vorhandenen Industrie und füllt eine Lücke.

Wir müssen aufpassen, dass wir an den Entwicklungen, am KnowHow und an den Systemen dran bleiben – nur dann werden wir auch langfristig Fertigungsstätten hier halten können.

Diese Region hat beste Voraussetzungen sich weiterzuentwickeln. Die Konzepte, die Infrastruktur und die Netzwerke sind vorhanden.

Im Norden geht der Daumen nach oben – im Süden nach unten. Die Chancen für diesen Aufwärtstrend müssen weiter genutzt werden. Wir müssen tatkräftig dabeibleiben und dürfen uns nicht auf den Zwischenlorbeeren ausruhen.

Morawitz:

Oldenburg und Bremen haben hohe Kompetenz im hochtechnologischen Luftfahrtbereich.

Wir beschäftigen uns mit Hochtechnologie und Systemtechnik. Über 400 Ingenieure sind beschäftigt, z. B. im Bereich Simulation.

Es gibt Chancen für den Standort weiterhin stark über Netzwerke zu arbeiten. Wichtig ist, dass es eine entsprechende Unterstützung durch die Politik gibt.

Die Luftfahrt sollte eine ähnliche monetäre Unterstützung erfahren wie die Raumfahrt.

Es ist dringend notwendig, dass die Politik nicht nur die Raumfahrt, sondern auch die Luftfahrtindustrie mit entsprechenden Forschungsgeldern ausstattet.

Staatliche Gelder sollten nicht nur an Generalunternehmer fliessen. Die Politik sollte dafür sorgen, dass viele kleine und mittlere Unternehmen ebenfalls Empfänger der staatlichen Gelder werden.

Get-Together

Im Anschluß an die rege Podiumsdiskussion ging der Abend über in ein gemütliches Get-Together. In der rustikalen Atmosphäre des Schelters, bei wärmender Suppe und kühlen Getränken, herrschte noch bis in den späten Abend hinein reger Austausch unter den Gästen und Referenten.

Wir bedanken uns ganz herzlich bei allen Gästen und unseren prominenten Podiumsteilnehmern, die durch ihr Erscheinen, ihre Beiträge, ihre Ideen und Gedanken unsere Veranstaltung bereichert haben!

Nicht weniger herzlich bedanken wir uns bei unseren Sponsoren und fördernden Mitgliedern. Ohne Ihre finanzielle Unterstützung wäre es uns sicher nicht möglich gewesen, diesen Abend kostenfrei für die Teilnehmer zu gestalten. Vielen Dank!