Finanz- und Immobilienkrise in USA – Auswirkungen im Nordwesten

„Finanz- und Immobilienkrise in den USA – Auswirkungen für den Nordwesten?!“, am Donnerstag, 21. Februar 2008

finanzmarktPremiere beim gedankenPlatz: Erstmalig fand ein Veranstaltungsabend in Bremen statt. Die neue Überseestadt bot den geeigneten Rahmen für unsere hochaktuelle Podiumsdiskussion zu den Auswirkungen der amerikanischen Finanz- und Immobilienkrise auf unsere Region.

Zum Erfolg trugen wie schon bei den vorangegangenen Veranstaltungen zahlreiche Helfer und Unterstützer bei. In Bremen setzten sich zusätzlich noch die Unternehmerverbände ASU und BJU für gedankenPlatz ein. Doch was ist schon ein gut geplante Veranstaltung wenn die Besucher fehlen? Daher freute es uns beonders, über 120 Teilnehmer und Teilnehmerinnen im Schuppen 2 am Bremer Europahafen begrüßen zu dürfen.

Teilnehmer der lebhaften und immer wieder kontroversen Diskussion unter der Moderation von Anke Genius (NDR) waren diesmal:

  • Dr. Christoph Bruns, Fondsmananger und Vorstand der LOYS AG
  • Folker Hellmeyer, Chefanalyst der Bremer Landesbank
  • Prof. Dr. Rudolf Hickel, Institut für Arbeit und Wirtschaft (IAW), Universität Bremen
  • Prof. Dr. Jörg Prokop, Juniorprofessur Finance and Banking, Universität Oldenburg

Die Aussagen der Veranstaltung waren klar: Kredite werden auch im Nordwesten teurer und die Banken zögerlicher. Trotzdem war sich das Podium einig: Der Nordwesten hat dank zukunftsträchtiger Branchen wie Logistik oder Raumfahrt und dem Großprojekt Tiefwasserhafen in Wilhelmshaven gute Zukunftsaussichten. Nur wenige Branche wie Holz und Baustoffe bemerken eine Nachfrageschwäche, der Autobau werde möglicherweise folgen.

Nach der hochkarätig besetzten Podiumsdiskussion wurde das Thema auch im Anschluss unter den Teilnehmer intensiv weiterdiskutiert. Gerade die Konsequenzen, die sich in einem mittelständischen Unternehmen aus der Krise ergeben, standen dabei im Mittelpunkt vieler Gespräche.

Nachfolgend eine kleine Auswahl einiger sinngemäß wiedergegebene Aussagen unserer Podiumsteilnehmer:

Prof. Dr. Jörg Prokop, Juniorprofessur Finance and Banking, Universität Oldenburg

  • Die Krise zeigt, dass wir in vielen Bereichen noch nicht so weit sind, wie wir eigentlich sein wollten. Mit Basel 2 sollte eigentlich der Rahmen geschaffen worden sein, der solche Verbriefungsstrukturen aufdecken soll.
  • Ende 2005 wurde von den deutschen Banken schon festgeschrieben, wie ein vernünftiges Risikomanagement und das interne Risikoreporting auszusehen hat.
  • Extreme Liquiditätsprobleme wie wir sie jetzt haben, werden in Basel 2 nicht adressiert.
  • Ergebnisse einer Umfrage bei internationalen Banken zeigen, dass die Vergabe von Krediten restriktiver geworden ist. Allerdings ist primär der Bereich der Fusion und Unternehmensübernahmen betroffen, hier verzeichnen wir eine deutliche Rücknahme der Kreditvergabe.
  • Beteiligungsgesellschaften haben im Moment ein Problem Kapital aufzutreiben.
  • Die Hausaufgaben, die wir aus dieser Finanzkrise ziehen sind: Die Produkte um die es geht, besser zu verstehen und besser zu vermitteln. Wir wußten teilweise gar nicht, wo die Risiken sind.

Prof. Dr. Rudolf Hickel, Institut für Arbeit und Wirtschaft (IAW), Universität Bremen

  • Was wir jetzt erleben ist eine globale Finanzmarktkrise.
  • Die Hedge Fonds und Finanzinvenstoren schauen nicht mehr nach der Wertschöpfung im Unternehmen sondern behandeln die Unternehmensteile als handelbare Assets.
  • Alles was Wertschöpfung ist, kommt von den Unternehmen und die Finanzmärkte müssen dem untergeordnet werden.
  • Ich war schon immer ein Kritiker des Verbriefungsgeschäftes.
  • Banken, die das reine Kundengeschäft nicht Ernst nehmen und glauben ebenso wie die Deutsche Bank 25 Prozent Eigenkapitalrendite nach Steuern zu machen, neigen dazu dramatischen Blödsinn zu betreiben. Irgendwo irgendwelche abstrusen Finanzierungsinstrument zu besorgen um auch solchen Profit zu machen.
  • Wir haben spezielle Probleme die ernst genommen werden müssen, aber keine Weltwirtschaftskrise. Das würde heißen, das wir im realen Produktionsbereich massive Einbrüche zu verzeichnen hätten. In Deutschland haben wir ein Wirtschaftswachstum von 2,5% real, wir rechnen weiterhin mit 1,5 Prozent – in diesem Rückgang spürt man zwar die Finanzkrise, jedoch ist dies keine Weltwirtschaftskrise im eigentlichen Sinne.
  • Regionale Unternehmen aus der Produktionswirtschaft, in Handel und im Dienstleistungsbereich, sind bereits von der Krise betroffen. Soweit Sie vor allem auf Kredite angewiesen sind, ist das Banken Kreditvergabeverhalten extrem restriktiver geworden. Es gibt Risikoaufschläge.
  • Gier hat es überall, schon immer, gegeben. Nur das die Gier jetzt andere Quellen bekommen hat, zum Beispiel durch Aktienoptionsgeschäfte für Manager.
  • Wir brauchen eine weltweit abgestimmte Währungspolitik.
  • Die Risikofaktoren der Finanzkrise werden uns ungefähr durchschnittlich über alle Branchen ein Prozent Wachstumsverlust kosten. Allerdings muss man alle Branchen einzeln durchgehen, Holzhandel und Automobilhandel sind sicherlich wesentliche nachhaltiger und schwerer betroffen.

Dr. Christian Bruns, Fondsmanager der Loys AG

  • Die Gefahr ist, dass die politische Führung die Krise, die zwar ernst ist, falsch begleitet.
  • Wir haben im Wesentlichen eine amerikanische Krise, die dort verschuldet wurde und auch von den Amerikanern gelöst werden muss.
  • Mal schauen, ob die Politik in unserem Land die Weitsicht und Klugheit hat sich blinden Aktionismus zu enthalten.
  • Es kommt darauf an, wie wir jetzt die Konsequenzen ziehen.
  • Ich bin ja selber Unternehmer und verwalte andere Leute Geld. Jeder der in Ruhe darüber nachdenkt erkennt natürlich auch – in der Krise liegt eine Chance.
  • Wenn man zuhört, kann man den Eindruck haben, dass wir über eine Weltwirtschaftskrise reden und deshalb etwas zornig sind, dass uns in Deutschland Dinge widerfahren, für die andere verantwortlich sind.
  • Ein Phänomen der Krise: Wir haben eine Wende in den Vereinigten Staaten. Das ausländische Institut, z. B. arabische und chinesische Investoren, einen Zutritt in den amerikanischen Wirtschaftsraum finden.
  • Es wird spannend zu beobachten sein, ob die Amerikaner diese Investitionen dauerhaft tolerieren.
  • Die Amerikaner sind in eine selbstverschuldete Schwäche geraten,
  • Unternehmen und Nationen, die besonders stark in die USA exportieren, werden darunter leiden müssen, in dem Zuge zum Beispiel China.
  • Wie lange die Krise dauern wird, ist derzeit nicht absehbar.
  • Die große Frage ist, wie sieht es mit den Auftragsbüchern aus? Was in Deutschland produziert wird ist in der Welt gut angesehen. Man kauft durchaus gerne in Deutschland ein. Wir haben eine eigene Währung, die sehr geschätzt wird. Aber die letzte Messe dieser Krise ist noch nicht gelesen.
  • Die Börse reagiert noch viel schneller als die Realwirtschaft auf die Finanzkrise. Gewisse amerikanische Aktien habe ich schon lange nicht mehr so günstig gesehen. Es gibt amerikanische Unternehmen, die wird es auch in 10 Jahren noch geben. Für Anleger ist die Chance in einer Krise wie dieser also viel größer.
  • Die Zinsen werden länger niedriger bleiben, als es ohne Krise zu erwarten gewesen wäre.

Folker Hellmeyer, Chefananalyst Bremer Landesbank Bremen

  • Wir haben eine Führungskrise der Eliten bei großen internationalen Unternehmen.
  • Die Volkswirtschaftliche Verantwortung wird geopfert auf dem Altar der kurzfristigen Rediteoptimierung.
  • Die ersten Anzeichen konnte man 2004 wahrnehmen. Eine Thematisierung stieß auf Unverständnis, Solange eine Marktidee gut läuft und profitabel ist, gilt man als Spielverderber, wenn man das Geschäftsmodell kritisch hinterfragt.
  • Es wurden Ninja Kredite von amerikanischen Banken vergeben in sechsstelliger Höhe, einzig mit dem Ziel diese Kredite gleich weiterzuverkaufen.
  • Die Banken haben global zu großen Teilen versagt, weil sie einfach kurzfristige Profitabilität vor ihre volkswirtschaftliche Verantwortung gestellt haben.
  • Es ist ein Problem das viele Investmentbanken Eigenkapitalrentabilität als primäres Ziel haben und dann ist ein Kunde nur noch ein Objekt.
  • Die US-Wirtschaft ist eine Asset-Driven-Economy. Eine Wirtschaft die von der Bewertung der Vermögensgegenstände abhängig ist.
  • Die Kreditkosten sind aufgrund der Krise gestiegen und damit natürlich auch die Einstandskosten für Unternehmen, dass hat natürlich eine dämpfende Wirkung auf die Wirtschaft.
  • Die derzeitige Finanzmarktkrise ist die größte Finanzkrise nach Ende des zweiten Weltkriegs hat bereits realwirtschaftliche Folgen in den USA und bekommt globale realwirtschaftliche Folgen, die sich jetzt erst entwickeln. Es ist eine Krise, die aus dem Zentrum unseres Finanzwesen kommt – jetzt stabilisiert die Peripherie das Zentrum.
  • Der gesamte Nordwesten ist in den klassischen Wachstumsmärkten der Zukunft gut aufgestellt. Es kommt eine Eintrübung im Wachstum.
  • Die globale Finanzkrise wird uns 2008 durchgängig und bis Mitte 2009 oder noch länger beschäftigen, denn es handelt sich um Krebs im Finanzsystem und sie bekommen Krebs nicht mit Aspirin weg. Sie benötigen sehr viel Zeit um den Bereinigungsprozess durchzuführen.
  • Die Finanzkrise muss im Auge behalten werden, sie ist virulent