Bildung 2.0 – Bachelor + Master Abschlüsse und ihre Bedeutung für die Wirtschaft

Am 19.04.2010 in der „EWE-Alten Fleiwa“ am Escherweg im Oldenburger IT-Quartier

Der Boom der Bachelor- und Masterstudiengänge an deutschen Hochschulen ist ungebrochen. Bis 2010 soll die durch den „Bologna-Prozess“ ausgelöste Umstellung auf die internationalen Abschlüsse flächendeckend sein. Die neuen Studiengänge versprechen eine flexiblere Studiengestaltung und eine bessere Beschäftigungsfähigkeit ihrer Absolventen im In- und Ausland.

Werden sie diesem Anspruch gerecht? Decken sich die vermittelten Kompetenzen und Qualifikationen mit den Erwartungen der Wirtschaft? Die Studenten klagen aktuell vor allem über vollgepackte Lehrpläne, zu viele Prüfungen und permanente Anwesenheitspflicht – von Verschulung ist die Rede. Wünschen sich Unternehmen Mitarbeiter, die Tugenden mitbringen, für die im starren Korsett der neuen Studiengänge wenig Raum zu sein scheint? Kritikbereitschaft, die Fähigkeit zum selbständigen Handeln, den Willen, über die Grenzen des eigenen Fachs hinauszublicken?

Am 19. April 2010 führte der gedankenPlatz e.V. in dem schönen und gerade fertiggestellten Ambiente der „EWE-Alten Fleiwa“ am Escherweg im Oldenburger IT-Quartier eine Podiumsdiskussion zu diesem Thema durch. Auf dem Podium saßen an diesem Abend:

  • Lutz Stratmann, Minister für Wissenschaft und Kultur Niedersachsen
  • Prof. Dr. Joachim Treusch, Präsident der Jacobs University Bremen
  • Ulf Mindermann, Leiter Führungskräfteentwicklung EWE AG
  • Michael Wefers, Unternehmensberater, Vorstandsvorsitzender Universitätsgesellschaft Oldenburg
  • Moderiert wurde der Abend von Thomas Hellmold, Redakteur der NWZ.

Unsere Veranstaltung wurde einmal mehr von der Tagesaktualität eingeholt. Der eingeladene niedersächsische Wissenschaftsminister Lutz Stratmann hatte sein Amt zu diesem Zeitpunkt nur noch zwei Tage inne, da kurzfristig eine Kabinettsumbildung beschlossen wurde. Unser nun ehemaliger niedersächsischer Wissenschaftsminister Stratmann nahm jedoch trotz der für die Öffentlichkeit überraschenden Umbildungsmaßnahme an der Podiumsdiskussion teil und stellte sich den Fragen der Teilnehmer. Dafür bekam er von allen rund 150 Teilnehmern des gedankenPlatzes an diesem Abend einen besonders herzlichen, warmen Empfang.

Nachfolgend eine kleine Auswahl einiger sinngemäß wiedergegebener Aussagen unserer Podiumsteilnehmer:

Lutz Stratmann, Minister für Wissenschaft und Kultur Niedersachsen

Rückblick: Die Wirtschaft hat Mitte der 90er Jahre den Wunsch, dass sich die Studienzeiten verkürzen und der Fokus stärker auf Methodenlehre gelegt wird. Gut 11 bis 12 Jahre später hat sich gezeigt, dass das Problem der Bachelor Master Studiengänge sich weniger an Fachhochschulen, bzw. Hochschulen abspielt sondern an den Universitäten. Hier stellt sich die Frage, wie ein Studium organisiert werden soll, dass zum Einen über einen stark wissenschaftlich/grundlagenorientiert Ausbildungsinhalt verfügt (eine Anforderung die Universitäten primär von Fachhochschulen unterscheidet) und zum Anderen zugleich praxisnah und kurz ist.

Vielleicht dies eine typisch deutsche Diskussion? Zu perfekt? Andere Länder sind in der Umsetzung viel pragmatischer vorgegangen.

Entscheidendes Stichwort: Internationalität. Wir müssen uns vergegenwärtigen, dass wir uns im internationalen Wettbewerb befinden – dies gilt auch für jeden einzelnen Studenten.

Module und Studieninhalte sind teilweise noch so gestrickt, dass keine Vergleichbarkeit gegeben und damit kein fließender Übergang möglich ist.

Kritikpunkt Raphael: Es war von Anfang an möglich 8semestrige Bachelorgänge anzubieten – dennoch ist es kaum geschehen. Der Grund war ein banaler: Weil bis heute es eine breite Auffassung gibt, dass nur der Master der Abschluß ist, der etwas zählt. Das ist Quatsch. Wenn es aufgrund der Inhalte notwendig ist, sollten unbedingt 8 Semester angesetzt werden. Der Master kann dann auch bei 4 Semestern bleiben – muß nicht auf 2 Verkürzt werden.

7 oder 8 Semester durchzuführen: Diese Entscheidung ist oftmals eine Frage der Kapazitäten an den Universitäten.

Bologna war von Anfang an nicht für „umsonst“ zu haben. Bologna kostet Geld – oder führt zum Abbau von Kapazitäten.

Leuphana Universität: Durch die Fusion wurde alles neu aufgebaut – ca. 11.-12.000 Studenten gestartet – aktuell ca. 7000 Studenten. Führte zu Kritik – aber Qualität ist Maß der Dinge nicht Quantität.

Bis 2015 auf 10% des Bruttoinlandsprodukt für Bildung hochstocken.

Wir müssen uns vom quantitativen Ziel befreien 40% der Schulabschlüsse an die Studiengänge zu bekommen. Es muss nicht unser Ziel sein, jeden zum Abitur und Studium zu bekommen sondern unser Bildungssystem so durchlässig wie möglich zu machen, so dass jeder, auch Haupt- oder Realschüler, die Möglichkeit bekommt in seinem Leben zu studieren – wenn er möchte!

Vielleicht eines der wichtigsten Ziele in Deutschland in den nächsten Jahren : Wie schaffen wir es die Lehrbedingungen zu verbessern? Wissenschaftlich sind wir weltweit nach wie vor sehr gut aufgestellt. Ein Defizit haben wir in der Tat in der Lehre. Jetzt nach der Exzellenzinitative mit Fokus auf der Forschung – muss es jetzt eine Initiative geben, die ihr Augenmerk auch auf die Ausbildung legt. Nicht jeder exzellente Forscher ist auch ein exzellenter Lehrer. Es wird mit Sicherheit auch Lehrprofessuren geben die didaktische Vorkenntnisse erfordern – aktuell können sie in Deutschland ja Professor werden ohne eine didaktische Vorbildung zu haben.

Der Wechsel ins Ausland muss für Studenten leichter möglich werden, wir müssen von der Prüfungsmenge runterkommen. Ich glaube auch, dass die akademische Ausbildung in Deutschland immer auch davon geprägt wurde, dass ein Student seinen Horizont erweitern kann. Studierende müssen auch weiterhin die Möglichkeit haben, sich während des Studiums auch mit anderen Dingen beschäftigen zu können oder z. B. begleitend Philosophie zu studieren. Führungspersönlichkeiten in Deutschland sind oftmals Menschen, die sich während Ihres Studiums auch mit anderen Dingen beschäftigen konnten. Das das verloren geht macht mir Sorgen.

Ulf Mindermann, Leiter Führungskräfteentwicklung EWE AG

Wir haben die Situation, dass wir aktuell noch über zu wenig Erfahrung verfügen. Die Integration der bisher eingestellten Bachelor- und Masterstudenten ist bisher problemlos gelaufen. Auswirkungen auf die Karriereplanung der Absolventen ist noch nicht absehbar – vermutlich erst in ca. 5 Jahren zu beurteilen.

Studentische Kritik: Verschulung, keine Zeit für Praktika, keine Zeit für Auslandssemester: Dies kann ich aus meiner eigener Lehrtätigkeit bestätigen.

Aktuell „produzieren“ wir sehr einspurig ausgebildete Nachwuchsmanager – ein Problem, dass uns in ca. 10-15 Jahren erst direkt begegnen wird.

Die extreme Spezialisierung mit der wir es zu tun haben ist mehr als kontraproduktiv. Wir haben aktuell über 13.000 Studiengänge in Deutschland – dies ist sowohl für Unternehmen, als auch für Studierende unübersichtlich.

Als Unternehmen schauen wir bei Bewerbern nach der Gesamtpersönlichkeit – geprüft wird natürlich die Formalqualifikation aber gleich danach sehen wir uns die sonstigen Kompetenzen – die neben Fachkompetenzen für den Arbeitsplatz relevant sind – an.

Faktisch ist es aktuell so, dass es trotz aller Enge im Studienplan immer noch Menschen gibt, die persönliches Engagement paralell zum Studium hinbekommen.

Masterstudium berufsbegleitend? Diese Möglichkeit der Weiterentwicklung nehmen wir als Unternehmen sehr ernst. Wir betreuen diese Mitarbeiter enger und stecken mehr Personalentwicklungsressourcen hinein. Oft wird auch vom Unternehmen eine Finanzierung des Masterstudiums angeboten.

Plädoyer: Mut zur Langsamkeit um auch andere Eindrücke mitzunehmen und sich einer breiteren Ausbildung hingeben. Schließlich müssen wir bis zum Alter von 67 oder sogar 70 Jahren aktiv am Arbeitsleben teilnehmen.

Michael Wefers, Unternehmensberater, Vorstandsvorsitzender Universitätsgesellschaft Oldenburg

Ich bin sehr dafür, dass wir diese Reform durchgeführt haben. Aktuell sprechen wir ja auch über die Reform der Reformen. Wichtig ist es jetzt nachzubessern.

Nicht nur die deutsche Wirtschaft hat Anforderungen in den 90ern gestellt – auch Studenten wollten gerne frühzeitiger wissen, ob sie für das jeweilige(n) Fach/Arbeitsplatz geeignet sind und nicht erst zum Ende eines 10 semestrigen Studiums.

Wenn man eine Person als Personalverantwortlicher einstellt, gibt es seit Jahrzehnten zwei Kriterien: Kann die Person denken und was hat sie für eine Persönlichkeit.

Benötigt wird Wissen und Intelligenz – das Thema Wissen hat heute eine andere Bedeutung bekommen. Früher benötigte man gute Bücher zu Hause – wer es sich leisten konnte hatte dementsprechend Zugriff auf Wissen. Heute ist Wissen dank Suchmaschinen und Internet für alle verfügbar.

Den Fehler den wir gemacht haben ist, einen Diplomstudiengang an der Universität in sechs Semester zu pressen. Hier besteht der Nachbesserungsbedarf.

Für mich hat das Thema „Wie lange studiere ich?“ nichts mit Softskills zu tun. Engagement während des Studiums ist aussagekräftiger.

Ich möchte eine Chance der Reform betonen: Man kann heute berufsbegleitend seinen Master machen. Das war bisher zu keiner Zeit für alle Studenten so leicht, wie es heute ist.

Wir sollten uns in Deutschland darauf besinnen, dass wir eine wichtige Grundlage haben: Bildung. Bildung verbunden mit der eigenen Persönlichkeit sichert die Zukunft unseres Landes.

Prof. Dr. Joachim Treusch, Präsident der Jacobs University Bremen

Die Weltprobleme sind nicht mehr durch eine gute Fachausbildung zu bewältigen – es ist alles fächerübergreifend und muss auf internationaler Ebene betrachtet werden.

Das Betreuungsverhältnis an der Jacobsuniversität beträgt 1 zu 10.

Was bringt es ? In 3 Jahren bis zum Bachelor lernen die Studenten Softskills einer ganz anderen Art, weil sie in einem internationalen Schmelztiegel geformt werden.

Das Prinzip der privaten Jacobsuniversität ist natürlich nicht 1:1 übertragbar – alles hat seinen Preis.

Wir haben natürlich teilweise die Probleme nach der Reform nicht – dennoch kennen wir die aktuellen Probleme der Universitäten.

Wir hatten einfach Glück: Wir haben auf der grünen Wiese angefangen – mit jungen Professoren – und alles neu gestrickt.

Ich bin viele Jahre in Cambridge gewesen. Dort hat mich verblüfft, wieviele Themen an der Universität gar nicht gelehrt wurden, dafür aber lange Teepausen durchgeführt wurden. Um 8 Uhr morgens war noch keiner auf den Campus…dennoch – oder gerade deswegen? – hat Cambridge viele Nobelpreisträger herausgebracht. Wir müssen darauf vertrauen, dass weniger mehr sein kann, wenn man es richtig einfädelt.

Wir haben bei uns an der Universität eine spannende Korrelation: Je aktiver Studenten bei uns in Clubs sind – je mehr Sport sie treiben, Musik machen usw., desto besser werden die Noten – der Grund liegt im Austausch.

Die Studentenkneipe auf dem Campus wird erst ab 23h besucht – oftmals bleiben die Studenten bis 3h in der Kneipe – und sitzen dennoch um 8h wieder im Studium. Die Studenten haben offentlichlich Spaß dabei – daher das Engagement

Ein Kindergartenplatz kostet etwas – ein Studium nicht. Bremen spart an der falschen Stelle der Wertschöpfungskette.

Wir integrieren unsere Studenten ab dem 2 Semester ins Labor. Ergänzend dazu müssen sie 2 Semester wirtschaftliche Praxiserfahrung sammeln. Das erweitert den Horizont.

Bei uns machen nur 60% den Master im Anschluss – der Rest geht in die Wirtschaft. Von diesen 40% kommen oft 20% später zurück und machen Ihren Master nach.

Das Studium darf mich nicht davon abbringen lernbereit zu bleiben. Dass ganze Leben gibt mir die Chance dazuzulernen.

Statements und Hinweise von Studenten aus dem Publikum an das Podium in der anschließenden Diskussionsrunde

Die Reform war absolut notwendig

Ein 8semestriges Bacherlorstudium wäre gut um außeruniveritäres Engagement zu entwickeln.

Im Moment ist es eine Mogelpackung.

Statements und Hinweise von Professoren aus dem Publikum an das Podium in der anschließenden Diskussionsrunde

Ein BWL Studium ist gut machbar – auch mit einem engagierten Privatleben.

Als Hochschullehrer beneide ich natürlich die private Jacobsuniversität, diese Betreuungsverhältnisse sind natürlich traumhaft – so etwas wünscht sich jeder normale deutscher Hochschullehrer.

Ungefähr 90% unserer Bachelorabsolventen (Naturwissenschaften / Physik) gehen in den Master – nicht in den Beruf. Nach dem Master sofort einen Arbeitgeber gefunden und alle im Beschäftigungsverhältnis.

Man sollte sich nicht nur von der Wirtschaft abhängig machen, wenn man wissenschaftlicher ausbilden möchte

Das Wissen für Wissenschaftler wurde sehr radikal raus gekürzt

Um mit Humboldt zu sprechen: Freiheit der Forschung und Lehre ist momentan so nicht gegeben.